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Interview mit Volkert Volkmann - Usinger Neue Presse / Taunus Zeitung

Die Hexen sind unter uns

von Andreas Burger

Gegen 8 Uhr steigt er auf seinen Besen, spricht noch schnell drei FlĂŒche, huscht in sein BĂŒro, um den Raben zu fĂŒttern und presst aus Kröten mal eben ein Gift. So Ă€hnlich sieht heute noch der Ruf der Hexer aus. Machen wir doch mal Schluss mit dem unglaublichen Unsinn und beleuchten die neue Hexenbewegung – passend zur heutigen Walpurgisnacht.

Foto: Ricardo Reitmeyer

 

Taunus. Das HĂ€uschen ist noch nicht fertig saniert, der kleine Garten prĂ€sentiert sich gepflegt-verwildert, zahlreiche KrĂ€uter lugen schon mal vorsichtig ob des Wetters aus dem Boden. Volkert Volkmann, der eigentlich auf den Auflauf im Ofen achten soll („Könnt’ ihr MĂ€nner nicht mal fĂŒnf Minuten aufpassen!“ – O-Ton der Frau) empfĂ€ngt die TZ ganz privat in der heimeligen KĂŒche.Volkmann hat die Gnade der spĂ€ten Geburt. Denn erst 1954 fiel in Deutschland das Hexengesetz. Denn Volkmann ist ein „Wicca“.

Der Begriff stammt aus dem AngelsĂ€chsischen und bedeutet „Hexer, Zauberer“, die weibliche Form dieses Wortes ist wicce, das heutige englische Wort witch geht sprachgeschichtlich auf wicce zurĂŒck. Der moderne Begriff erscheint zunĂ€chst in der Form Wica in Gardners Witchcraft Today (1954) als Bezeichnung fĂŒr die Vertreter der von ihm beschriebenen „Alten Religion“.  Volkmann widerlegt so ziemlich jedes Vorurteil gegenĂŒber Hexer. Zwar streicht die Hauskatze stĂ€ndig um die FĂŒĂŸe und will Aufmerksamkeit, aber weder finden sich Zauberutensilien noch magische GetrĂ€nke auf dem Tisch (wenngleich die Verwandlung eines GemĂŒseauflaufs in kohleartige Substanz als Zauberei angesehen werden kann). Denn er ist der Wicca der Gegenwart, der Heilkundige, der Natur-Religiöse. Und er lehrt eine nicht unerhebliche Zahl von Menschen in seiner Anschauung, die auf dem Naturglauben beruht – Jahrtausende alt. Und außerdem betreibt er – ganz weltlich – eine Naturheilpraxis.
 

12 000 Jahre zurĂŒck

Um zu verstehen, was die neue Bewegung beinhaltet, fĂ€ngt Volkmanns ErlĂ€uterung mit dem Leben vor 12 000 Jahren an. Als die Menschen sesshaft wurden, Ackerbau betrieben und sich plötzlich noch mehr als im Leben der Umherziehenden sich die Eigenarten des Jahreslaufs zu eigen machen mussten. Der Winter mit der Ruhezeit, der FrĂŒhling mit dem Neubeginn der Natur, der Sommer als arbeitsreiche Zeit und der Herbst als Erntezeit und Vorbereitung auf den Winter.

So ergaben sich Rituale, die noch heute Bestand haben – JĂ€ger erweisen immer noch mittels eines in die Wunde gelegten Zweigs dem toten Tier und seiner Seele Achtung und Respekt.

Aus dem Jahreskreis hat sich das Brauchtum entwickelt, viele TĂ€nze, Lieder (nachzulesen in der Edda) und der Glauben an Naturgeister. Ein Zeichen etwa ist Stonehenge. Religionen entwickelten sich weit von Christi Geburt, Sonne und Mond standen im Mittelpunkt. Die heutige Walpurgisnacht ist nun wahrlich kein altes Fest, die Kelten feierten bereits lange zuvor den zweiten Vollmond. Weitere Jahreskreisfeste entstanden (Ostara, Ostern). Und vor allem der Sonnenkalender.

Und die Naturheiler fanden Wege, Krankheiten zu bekĂ€mpfen, oder, um genauer zu sein, die Ursachen zu beseitigen. Dies war dann bereits im 7. Jahrhundert vor allem den Kirchen ein Dorn im Auge. Man erinnert sich: Die Hexenverfolgung, weil Menschen, die die KrĂ€fte der Natur nutzten, unheimlich waren fĂŒr Menschen, die ungerne ihre Macht teilten. Und so wurde verboten, was zu verbieten war – das Anbeten von BĂ€umen, das Heilen mit KrĂ€utern und das Anwenden heilsamer NaturkrĂ€fte.

Mit dem Hexenhammer  – einem Werk zur Legitimation der Hexenverfolgung, das der Dominikaner Heinrich Kramer 1486 in Speyer verfasste – war’s dann ganz vorbei mit der angeblichen Hexerei. Dabei kannten die Naturheiler bereits das Penicillin aus Pilzen. WĂ€hrend die Chinesen also die Naturheilkunde vorantrieben, wurde in Europa das Wissen verbrannt.


Gesetz der Harmonie

Die Hexenbewegung in Deutschland wĂ€chst. Der Wunsch, in Einklang mit der Natur zu leben, lĂ€sst viele Menschen diesen Weg gehen und sich der Bewegung anschließen. Und so dumm ist der Grundsatz nicht: „Tue, was du willst, solange du niemandem schadest“. Eine Art Gesetz der Harmonie. Dazu gehören viele Formen, den Geist mit Körper und Natur in Einklang zu bringen – von Yoga ĂŒber Meditation und Wellness. Und nicht nur die HeilkrĂ€fte stehen im Mittelpunkt – wobei Volkmann klar darauf verweist, dass „Heiler“ nun einmal den Beruf gelernt haben mĂŒssen. Von den selbst ernannten Pendlern und Beschwörern hĂ€lt er ja nun so gar nichts.

Es ist keine Religion, was die Bewegung praktiziert. Die Weltanschauung hat drei GrundzĂŒge – beobachten, erkennen und anwenden. So einfach kann’s sein. Es gibt keinen Missionierungsauftrag, keine Steuern und Abgaben. Man trifft sich zu teils festgelegten Terminen, die aus den keltischen Zeiten noch heute wichtig sind, feiert, versucht, der Natur nahe zu sein und will sich eigentlich nur eben der Natur und den Menschen verbunden fĂŒhlen.

Dennoch hat auch die Bewegung Stufen der Mitgliedschaft. Der Lernende, der nicht lehren kann. Der, der das Gelernte anwendet und der, der es Lehrt.

Die Hexen und Hexer sind also alle mitten unter uns. Ohne Harry Potter.

 Hinweis

Artikel in der Online-Ausgabe der Taunus Zeitung - Usinger Neue Presse
» www.tz-usingen.de

Siehe auch Artikel ”Was wir von den Kelten ĂŒbernommen haben” , Usinger Neue Presse, April 2016
(Link zur Rubrik Presse/Dokumentation auf unserer Webseite)
 

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